¶ Eigentümliche Verwandte ⊃ Sehen und Verstehen
10. April 2012


Hore (antike Jahreszeitenallegorie) als schwebende Gestalt auf schwarzem Grund, kolorierter Umrissstich nach pompejanischem Wandgemälde in originaler Rahmung, um 1800. Eine ausgedehnte Pause. Sie betrachteten das hübsche Bild längst nicht mehr. Die kleine schwebende Figur löste sich langsam auf, ohne einen aufmerksamen Betrachter bot die rosige linke Wange dem kalten Gewand keinen Widerstand mehr. Der gefrorene Atem fiel als Nebel zu Boden. Das kleine Bild scheint inzwischen vollkommen entleert. Was bleibt ist spiegelndes Schwarz.
Obwohl ihre göttliche, marmorne Haut noch immer matt glänzt, ist sie über die Zeit tatsächlich brüchig geworden, ihr Körper ist ausgehöhlt und zerfressen. Selbst ausgezeichnete Restauratoren verzweifeln an ihrer Konservierung.
05. März 2012

Erleben wir einen Sonnenuntergang, dann erleben wir eigentlich zweierlei. Wir erleben den Sonnenuntergang, wie ihn Menschen seit Jahrtausenden erleben. Die Sonne taucht am Horizont ab, und – Gott sei Dank – taucht sie zuverlässig am nächsten Morgen wieder am anderen Ende auf. Und wir sehen, dass wir uns täuschen. Denn wie wir wissen, verschwindet die Sonne nicht. Und es grenzt auch an kein Wunder, dass sie so zuverlässig wieder auftaucht. Sie bewegt sich ja kaum. Es ist die Erde die sich um sie bewegt. Und es sind wir Menschen, die – Kraft der Einbildung – die Sonne unter den Horizont schieben und sie wieder auftauchen lassen.Wir bewegen uns also tagtäglich in einem unzureichend bestimmten Zwischenraum zwischen Wirklichkeitserfahrung und Wirklichkeitsmodell. Und leider fehlen verlässliche Vermessungspunkte. Die Verfahren, durch die wir versuchen, unsere Welt zu gliedern, zu vermessen und uns gefügig zu machen, erzeugen beständig kleine Fehler, die aber erst im Streiflicht, im Licht der aufgehenden Sonne, zur Irritation werden, Schatten werfen, blinde Flecken aufdecken und Deckungsungleichen offenbaren.
Diesen Gedanken, der sich auch in Franz Xaver Baiers „Geometrie schneidet ab“ (FXB, Raum, S.13f) findet, wenn er sich gegen Descartes Zweifeln an der Wirklichkeit, gegen ein Denken des „Masterplans“ wendet (Vgl. FXB, Raum, S.14), möchte ich meiner Arbeit beiseite stellen. Als eine Möglichkeit der Raumerweiterung.
Die Modellform, zunächst virtuell entworfen, geht vom karierten Papier aus, von Reihen uns Spalten von Quadraten, deren Ecken ich in den Raum verschoben habe. Dieses Modell habe ich aus Pappe gefaltet und in Gipsmodelle kopiert. Die beiden Reliefs sind dabei ebenso spiegelsymmetrisch wie eigenständig, da sie von zwei unterschiedlichen Pappvorlagen stammen. Diese Modelle wurden mit Silbergelatine beschichtet, im Streiflicht belichtet und letztlich entwickelt.
Der ganze Prozess der Herstellung ähnelt in gewisser Weise der Herstellung von Prototypen, von Ingenieursarbeit. Zumindest vom virtuellen Modell bis zum fertigen Gussrohling. Kopien von Kopien von Kopien dieses virtuellen Idealmodells. Ich habe dabei stets versucht, Fehler zu vermeiden, möglichst präzise zu arbeiten, möglichst der Idealform nahe zu bleiben, möglichst keine Handschrift sichtbar werden zu lassen, also alles Menschliche – vor allem mich selbst – aus der Arbeit zu verbannen. Und trotzdem sind die Objekte voll von kleinen und größeren Fehlern. Es lässt sich erkennen: Der Prozess ist ein menschlicher. Das tut wohl.
Und das offenbart sich auch in der letzten Schicht, im Entwurf eines Systems, das sich in sich selbst abbildet ohne dabei in sich selbst aufzugehen. Indem sich nämlich die Oberfläche und die sich darin abbildende Form gegeneinander verschieben, sich wechselseitig verstärken oder auch auslöschen. Und zwar in einer Weise, die es einem Betrachter schwer macht, die einzelnen Faktoren wieder – vor dem geistigen Auge – ineinander aufzulösen. (Aufleitung statt Ableitung!, Vgl. FXB, Raum, S.9)
Darin – in der Abweichung, in den blinden Flecken der Arbeit – liegt meines Erachtens die Chance zum Entdecken dessen, was sonst deckungsgleich erscheint, was ineinander aufgeht, homogen wirkt. Die Chance, die Irritation mitzunehmen. Stets in der Hoffnung, dass sich dieses Entdecken über die Kanten und Rahmen der Objekte hinaus ausdehnt. Denn Sehen und Verstehen, das sind eigentümliche Verwandte. („Unser Sehen bedeutet traditionell ein Projizieren“ FXB, Raum, S.44)
10. Februar 2011



Ein weiteres Mal legen sie eine Rolle Film in den Projektor ein, schalten den Apparat an, beobachten nur den allerersten Moment der Vorführung. Das erste Bild rastet mit einem Klackgeräusch auf der Filmbühne ein, wirft seinen Schatten auf die erleuchtete Leinwand. Es folgt – zögernd nur – das zweite Bild, das dritte Bild. Etwas grob, ungestüm, verdrängen sie das jeweils Vorhergegangene. Die Motorisierung der Filmrollen nimmt Fahrt auf, immer schneller ruckelnd vertreiben sich die Bilder der Reihe nach. Das Rattern des Apparats wird lauter, regelmäßiger. Einige letzte verräterische Zuckungen, dann lösen sich die Bilder ineinander auf, beginnen zu gleiten. Nichts bleibt sichtbar von ihrem eigentlichen, festen Kern, vom Material.
Sie lösen ihre Aufmerksamkeit von der Leinwand. Es dauert einen Moment, bis sie sich gesammelt, Ordnung in ihre Beobachtungen gebracht haben. Sorgfältig macht sie einige Notizen auf einem weißen Blatt Papier, dann wenden sich beide wieder einander zu.
Trotz der Sachlichkeit ihrer Ausführungen fühlt er sich nervös, als sei eine besondere Art Spannung an ihn angelegt. Ein Knistern, das wohl beide wahrnehmen. Nur kann keiner der beiden diese Energie im Verhalten des Gegenübers deuten. So kommt keine Bewegung zwischen den beiden Gesprächspartnern zustande.
17. Juli 2010
Die Geologie ist die Wissenschaft von der Entstehung und dem Aufbau der Erde, z.B. wie Gesteine zusammengesetzt sind und wie sie sich in andere umwandeln. Dazu gehören auch Dinge, die während der Erdgeschichte in Gesteinen eingeschlossen wurden, z.B. Lebewesen.
Die Geographie beschäftigt sich mit der Oberfläche des Planeten und was darauf passiert.
Die Geophysik erforscht die physikalischen Eigenschaften und Vorgänge der Erdkruste und des Erdinnern.
Männer die sich zurückziehen, um ihre Beziehungen aneinander zueinander gegeneinander zu verhandeln. Unterschiede in einer Höhle. Es entsteht eine Strom. Wechselspannung. Wärmepunkte. Und Salz.
30. Mai 2010




An die Arbeit,
fangen wir doch mal vom Kopf her an: Also kopflos, bei den kleineren grauen Dingen hier. Ich habe irgendwann in der Auslage einer Geflügelschlachterei diese erbärmlichen kleinen Körper gesehen und musste auch sofort einige davon kaufen, beobachten, essen.
Wachteln. Aber eigentlich kleine Menschenleiber. Kopflos, nackt, ausgehöhlt, sozusagen entkernt; mit kleinen, verbogenen Ärmchen, aber ohne Hände; kalt, bleich, etwas miefig. Der Wachtel, wie sie da so lag, kann man nachfühlen. Es bietet sich da sehr viel tief abgründiges, allzumenschliches an.
Beim Hahn ist es – auf die Gefahr hin, mich zu widerholen – die Verknüpfung von Gehirn und Hoden, Saft, Kraft und Macht, Verstand und Mannheit. Die Frage: Wer trifft Entscheidungen? Der Hahn ist allemal handlungsfähig, ganz im Gegensatz zum passiven, wachteligen Menschweltschmerz. Kern der Arbeit ist jedoch eigentlich eine andere Frage. Nämlich wie sich diese Erfahrungen transformieren und neu ausdrücken lassen.
Wie verhalten sich Erfahrungen, Eindrücke, wenn sie sich einen Weg zum Ausdruck suchen? Vom reinen Sehen und Befühlen zum Vergeistigen, Vereinfachen, in Form Fügen, neu Verknüpfen, neu Vertiefen? Wie entstehen Nähte, Passungen, Unpassungen, Öffnungen und Hohlräume. Und was lässt sich an ihnen erkennen? Was fällt durchs Raster, was geht verloren und wo lässt es sich vielleicht wiederfinden?
Ich habe diese Tiere – hier läuft etwas parallel – fotografiert, digitalisiert, am Rechner als virtuelles Raummodell entworfen, virtuell wieder in die Fläche entfaltet, gedruckt, geschnitten, gefalzt, geklebt und damit wieder in den Raum zurückgeholt. Dabei war es mir wichtig, kleine Fehler, Unreinheiten in der Verarbeitung möglichst zu vermeiden. Und eben deshalb sind diese Fehlstellen umso bedeutsamer. Also die Irritationen auf der Pappoberfläche, Klebreste, Fingerabdrücke, kleine Löcher an den Eckkanten. Der Übersetzungsvorgang ist ein menschlicher, ein lebender. Das tut der trockenen, fahlen, stumpfen Pappe wohl.
Die Messingblöcke sind später dazugekommen. Zunächst als Sockel – also als Beiwerk – angedacht, haben sie dann doch sehr viel mehr Selbständigkeit verlangt. In diese Blöcke ist für mich sehr viel Uraltes eingegossen, das jetzt höchstens noch von der Oberfläche her erfahrbar ist. Sie verschließen sich dem Eindringen, wer sich ihnen nähert, entfernt sich; wer eintauchen will, stößt sich den Kopf. Kulturgeschichte also als Sockel, als Ballast, als Rohstofflager. Etwas für Spekulanten?
Menschwachtel, Hirn-Hoden-Hahn, Vergangenheit in Legierung: Das ist sicher zu großen Teilen mein persönlicher Symbolismus, den möchte ich denn auch ungerne jemandem aufzwingen. Das sind jedoch Dinge, die mich sehr beeinflusst haben, die eingeflossen sind, die sich in der Arbeit verfestigt haben. Aber ich glaube, dass ein sehr viel einfacherer Zugang auch möglich sein kann. Ein Zugang, der viel mehr vom Visuellen, Taktilen, Räumlichen, Körperlichen ausgeht. In dem sich die Beiläufigkeiten und Gegenläufigkeiten in Material und Struktur öffnen. Und der ohne mein Geschriebenes auskommt.
12. März 2010
Das Ei ist eigentlich eine runde Sache. Ein absolut durchdachtes Wunderding der Natur. Wenn es nicht einfach da wäre, dann müsste es unbedingt erfunden werden. Reich an lebenswichtigen Nährstoffen, genial verpackt. Ein Lob auf die ehrenwerte Mutter.
Die Henne, selbst Mittel zum Zweck der Eiergewinnung, hocheffiziente Gebär- besser Lege-Maschine mit kulinarischem Restmehrwert, hat sich in den letzten Jahrzehnten vom unterdrückten Käfigtier zum politisch anerkannten Unterstützungsempfänger gemausert. Zugegeben, die Henne hat eine schreckliche Karriere hinter sich. Doch seit sich gegen Mitte der 70er Jahre im Zuge der alternativen politischen Bewegungen der Fokus auch auf die unerträglichen Umstände der Haltung weiblicher Haushühner richtete, seit die eklatanten Missstände dem öffentlichen Auge vorgeführt, die Schreckensbilder im kollektiven Gedächtnis verankert sind, änderte sich zunächst das öffentliche Bewusstsein, mit einigen Jahren Verzögerung auch die politische Agenda. Der 1. Jänner 2012 wird ein großer Tag für die Hühner der europäischen Union. Es ist der Tag des endgültigen Verbots der Haltung in Legebatterien.
Die Verbraucher haben sich längst an die geänderten Umstände angepasst. Seit Jahren entwickeln sich Eier aus Käfighaltung zunehmend zum Ladenhüter. Große Supermärkte haben sie bereits vor längerem aus dem Verkaufsprogramm genommen, Tier- und Umweltschützer können sich endlich mit all ihrem Engagement dem Kampf gegen den Klimawandel widmen. Das Thema Huhn ist abgehakt.
Höchste Zeit sich noch einmal zurückzuwenden und sich noch einmal zu vergewissern, ob die Welt der Hühner jetzt auch wirklich eine bessere ist. Bernd Gebauer, Biolandwirt und Hühnerzüchter kennt die Verhältnisse in den Produktionsstätten seiner profitorientierten Kollegen. Dem drahtigen, normalerweise gut aufgelegten Mittvierziger, der geradezu aus Peter Lustigs Wohnwagen kommen könnte, steht die Betroffenheit ins Gesicht geschrieben. »Inzwischen sind es die Hähne, die am stärksten unter den modernen Produktionsmethoden leiden. Für meine sogenannten Kollegen gilt schon lange: „Wenn es überhaupt etwas am Ei gibt, das stört, dann ist es der Hahn.“ «
Das stolze und farbenprächtige Tier, einstiges Wappentier der tapferen Gallier, der freien Franzosen, Symbol für Kampfeslust und Wachsamkeit, hat den Tiefpunkt seiner Karriere erreicht. Abgesehen nämlich von der Produktion weiblicher Eierlegerinnen ist es nutz- und infolge wertlos. In der öffentlichen Wahrnehmung spielt der Hahn daher ein erstaunliches Schattendasein, mit brutalen Folgen für die Tiere.
Denn erst im Alter von etwa 12 Wochen kann das Geschlecht der Jungtiere erkannt werden. Daher werden auch die männlichen Jungtiere mit dem Hormon- und Medikamenten-Cocktail gefüttert, der bei den weiblichen Tieren ein schnelles Wachstum und eine möglichst effiziente Eierproduktion ermöglicht. Was bei den weiblichen Tieren nur selten problematisch ist, führt bei mehr als der Hälfte der Hähne zu Missbildungen und verschiedenen körperlichen Erkrankungen. Häufig auftretende Folgen sind unter anderem Schwellungen und Tumore an den primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen, vor allem der Hoden und des Kropfsacks.
Durch die Wachstumsstoffe beschleunigt, platzen die betroffenen Organe bisweilen einfach auf, die Tiere verenden jämmerlich. Mit den körperlichen Leiden der Tiere gehen geistige Leiden einher. Nun ist die geistige Entwicklungsstufe eines Hahnes beileibe nicht mit dem hochentwickelten und ausdifferenzierten Gedankenapparat eines Säugetiers, oder gar des Menschen zu vergleichen. Wer aber das Verhalten der hormongeschädigten Jungtiere mit dem von gesunden Artgenossen vergleicht, wird sich über einige frappierende Unterschiede bewusst werden. Einige Tiere picken wie berauscht in die Luft oder laufen gegen Hindernisse an. Sie torkeln oder haben starke Zuckungen ähnlich epileptischen Anfällen. Extrem aggressives Verhalten gegenüber Artgenossen oder völlige Apathie können auftreten. So verhungern einige Tiere just aufgrund ihrer geistigen Defizite.
Sobald das Geschlecht eindeutig festgestellt werden kann, werden die Tiere gekeult und von ihrem sinnlosen Leiden erlöst. Für etwa die Hälfte der stolzen Tiere kommt jede Hilfe zu spät. Da die Tiere im verinärtechnischen Verständnis als „erkrankt“ gelten, dürfen sie nicht zum Verzehr freigegeben werden und werden letztlich als Sondermüll verbrannt.
Dass es auch anders geht, beweist ein Blick auf Gebauers Hühnerhof. Hier können die Tiere bis zur Schlachtreife ein erfülltes Leben führen. »Und der Erlös aus dem Fleischverkauf macht die Unkosten bei Weitem wett. Und außerdem spar‘ ich mir das Geld für den Wecker. Kikeriki.«
01. Juli 2009
Wenn man mich bäte, ich solle mir die Liebe vorstellen, dann stünde ich vor einem Problem: Stelle ich mir die Liebe vor, vom Kinn abwärts, mit Herz, Haut und Haar, Bauch und Genital, dann helfen Erinnerungen, die Gefühle wachrufen. Erinnerungen an Wärme, an Geborgenheit, an menschliche Nähe, an Transpiration und finale Ekstase, an die Innenwelt von Mutters prallem Bauch.
Versuche ich mir die Liebe auf anderem Wege vorzustellen, köpflich, rational: dann helfen normalerweise Definitionen und erklärende Theorien.
Wikipedia: „Liebe ist ein mächtiges Gefühl und mehr noch eine innere Haltung positiver, inniger und tiefer Verbundenheit zu einer Person, die den reinen Zweck oder Nutzwert einer zwischenmenschlichen Beziehung übersteigt und sich in der Regel durch eine tätige Zuwendung zum anderen ausdrückt.“
Luhmann: „Liebe ist kein Gefühl, sondern ein semantischer Code, der unwahrscheinliche Kommunikation wahrscheinlicher macht.“
Ich kann mir also die Liebe auf zweierlei Weisen vorstellen. Vom Kopf aus oder vom Körper. Dieses Problem ist ein kulturelles, ein weitgehend abendländisches Phänomen. Vor knapp 400 Jahren schrieb Descartes: „cognito ergo sum“ – „Ich denke, folglich bin ich“, und konstatierte damit die Vorherrschaft der Vernunft vor dem Gefühl. Das ist gut und recht, solange man Häuser und Flugzeuge bauen will, es hilft auch politische Entscheidungen zu treffen, für ein Verständnis der Liebe ist diese Vorherrschaft eine schwierige und zweifelhafte Bedingung.
So hat sich Sigmund Freud seine Gedanken gemacht, und seither wird behauptet, dass es sich bei menschlichem Denken und Handeln um das Ergebnis einer Abwägung dieser zwei inneren Pole handelt. Das Ich resultiert aus rationalem Über-Ich und triebhaftem Es.
Das lässt sich darstellen als menschliches Konglomerat, als Zusammenspiel und Streit, als Überlagerung, als Rangelei auf dem Weg, Wirklichkeit zu werden.
Der Geist – einerseits – hat hohe, hehre Ziele. Er strebt nach Vollkommenheit, will – so ist es dargestellt – hoch hinaus. Er ist bereit zur Kooperation, zum bewussten, planvollen Aufbau. Er zeigt sich in hellem, technischem, metallischem Glanz.
Für das Triebhafte – andererseits – habe ich dunkle Erde als Material gewählt, für mich ein Material des Unergründlichen, Uralten, Vormenschlichen, das auch der Schöpfer schon zu Knetarbeiten verwendet haben soll. Das Triebhafte ist egozentrisch und strebt nach sofortiger Befriedigung.
So ist es in der Liebe: während der Geist die Liebe als edelstes und höchstes Gut betrachtet, als Inbegriff von Reinheit, gibt es von Seite des Körpers andere Beweggründe, die (teilweise) nicht recht ins Bild passen wollen. Bei Marquis de Sade kann man davon lesen, wenn man denn bereit ist, seinen Ekel zu überwinden. Die Puppen und Fotografien von Hans Bellmer und die Arbeiten von Cindy Sherman erinnern daran. Sigmund Freud hat sie klassifiziert:
Eros: Selbst- und Arterhaltung, sexuelle Begierde, Lustgewinn, Körperkontakt, Libido, beispielsweise.
Thanatos: Todestrieb, aggressives und regressives Verhalten, Fetischismus, Sadismus, Masochismus und anderes.
Es gibt noch ein drittes Material, das bildet sozusagen den Rahmen des Geschehens, das Prinzip in dem sich das allzu Menschliche bewegt. Ich nenne es das goldene, das göttliche Prinzip. Es ist das physikalische Prinzip, der Antrieb, es hält alles in Bewegung. Einfluss nimmt es nicht. Das Goldene ist es meiner Meinung nach auch, was der Arbeit den kultischen Charakter beigibt. So kennen wir Goldglanz und Kerzen aus verschiedenen religiösen Riten, beispielsweise der christlichen Messe. Die sich drehende Pyramide erinnert deutlich an erzgebirgische Weihnachtstradition. Aber auch Figuren und Kultobjekte aus vorchristlicher Zeit oder des Voodoo könnte man assoziieren.
Nicht allzu fern liegen die Geschichten vom Turmbau zu Babel, von Sodom und Gomorrha, vom goldenen Kalb: die uralten Geschichten, Mythen vom Urkern unserer Zivilisation.
Die Präsentation verstärkt diesen Eindruck. Die goldenen Rahmen verweisen selbst das bewegte Bild (zumindest) in Richtung des klassischen Gemäldes, der dunkle, durch schwarzen Stoff abgetrennte Raum entrückt den Betrachter aus dem Alltagsgeschehen, fördert den meditativen Charakter des ewiglich rotierenden Seeleninneren und das Gefühl, Zeuge einer kultischen Handlung zu sein.
Dabei sehen wir hier gar kein Kultobjekt. Was wir sehen, ist Projektion und Glanz der Oberfläche. Denn was ich mir unter der Liebe vorstelle, ist nicht real: es ist abstrahiertes, inneres Bild. Etwas greifbareres gibt es nicht.
01. März 2009


