Erinnerung – als Titel Vermessen

Hore (antike Jahreszeitenallegorie) als schwebende Gestalt auf schwarzem Grund, kolorierter Umrissstich nach pompejanischem Wandgemälde in originaler Rahmung, um 1800. Eine ausgedehnte Pause. Sie betrachteten das hübsche Bild längst nicht mehr. Die kleine schwebende Figur löste sich langsam auf, ohne einen aufmerksamen Betrachter bot die rosige linke Wange dem kalten Gewand keinen Widerstand mehr. Der gefrorene Atem fiel als Nebel zu Boden. Das kleine Bild scheint inzwischen vollkommen entleert. Was bleibt ist spiegelndes Schwarz.

  • Solche Allegorien waren natürlich tatsächlich ein beliebtes Sujet der wohlhabenden und wohlwissenden Gesellschaften dieser Zeit.
  • Na klar. Man wusste um ihre Bedeutung und machte sich dieses Wissen zur Zier.
  • Wissen also als so etwas wie ein dekoratives Moment? Wissen als Währung?
  • Als Modeaccessoire sicher stark inflationär.
  • Das heißt ja, dass die geschichtlichen Gewissheiten tatsächlich flüchtig sind? Wie Rauch oder wie Flammen?
  • Und mit Blick auf die Zukunft brandgefährlich.
  • Also eher wie Strafgefangene. Im besten Fall vielleicht vogelfrei. Das Museum, sag-test du ja vorhin selbst, sei so etwas wie „ein Rettungshaus für schiffbrüchige Götter“.
  • Genau. Asyl der Vergangenheit?
  • Ok, und dann lass uns noch einmal zurückkommen zum Bild und zur Gegenwart: sprechen diese Dinge hier noch zu uns?
  • Naja, ich glaube dazu sind sie viel zu geduldig. Die machen sich nichts aus unseren Angelegenheiten.
  • Und was können dann wir selbst tun? Die dunkle, reflektive Oberfläche bietet überhaupt keinen Halt, lässt sich überhaupt nicht begreifen.
  • Und zeigt trotzdem abgegriffene Stellen, müde Spuren, natürlich, aber immerhin einen deutlichen Niederschlag der Zeit. Lässt sich so etwas nicht als Sprungbrett nutzen?
  • Ja. Eine matte Stelle auf der Oberfläche kann natürlich tatsächlich Katapult sein, Erinnerung dann Projektil. Nur, in welche Richtung soll denn gezielt werden? In die Zukunft? In die Vergangenheit?
  • Vielleicht auf unsere kleine Tänzerin?
  • Die scheint mir ziemlich unerreichbar.
  • Das ist schade.

Obwohl ihre göttliche, marmorne Haut noch immer matt glänzt, ist sie über die Zeit tatsächlich brüchig geworden, ihr Körper ist ausgehöhlt und zerfressen. Selbst ausgezeichnete Restauratoren verzweifeln an ihrer Konservierung.

2012, Video, 15:12 min / 2012, Mixed Materials, ca 25 ✕ 36 x✕ 22 cm / 2012, Glas, Asche, ca 40 ✕ 50 cm